Von der Wiege bis zur Bahre

   
     

Geburt/Taufe

   
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Die Kinder kamen vor noch nicht allzu langer Zeit ganz selbstverständlich im Elternhaus auf die Welt. Die werdende Mutter arbeitete bis kurz vor der Geburt in der Landwirtschaft mit und kannte auch nach der Geburt kaum eine Schonfrist. Die Hebamme wurde erst sehr spät hinzugezogen.

Pfarrer Neumann, 1821-1845 Pastor in Olzheim, berichtet:

Der Vater bringt dem Pfarrer die standesamtliche Geburtsurkunde und zahlt 5 ½ Silbergroschen Gebühr. Inzwischen sind Hebamme und Kind, Petter und Goden, falls es sich um Filialisten handelt, in dem der Kirche gegenüberliegenden Gasthaus Meyers oberst (Juchems) eingekehrt und verzehren dort Schnaps und Wein auf Kosten der Paten. Pfarrer Neumann wettert gegen diesen Brauch: "Früher kam auch noch eine Herde benachbarter Weiber mit, wodurch öfters viele Kosten für god und Petter entstanden. Ich habe das aber untersagt, weil solche Weiber nichts bei der Taufe zu thun haben, sondern wie Maulaffen da stehen."

1944 - Nach der Taufe v. Christel Juchems verteilen die Paten Süßigkeiten.

Ist das Kind aus Olzheim, so kommen die benachbarten Frauen mit in die Kirche und kehren dann zurück ins Geburtshaus, wo sie Kaffee bekommen. Einige Wochen später findet dann ein sog. Kindessen statt: Man tischt Hirsebrei, Fleisch, Kaffee, "zuweilen gezuckerten Kaffee oder gar Wein" auf. Bei dem Umtrunk im Gasthaus soll es mehrmals vorgekommen sein, dass die bezechte Gesellschaft das Wirtshaus ohne den Täufling verließ! Jedenfalls sah sich Kurfürst Clemens Wenzeslaus zu folgender Verordnung veranlasst: Bei einer Strafe von vier Goldgulden "soll hinfhüro die, allein auf den Tag der Kindtauf, bey Kindbetterin zu reichende geringe Ergötzlichkeit nur mit beyziehung höchstens vier nachbarsweiber, auf Kosten der Kindbetterin, nach der Kindtauf, in derselben Behausung und nirgentwo anders gehalten werden...".

 

Nach der Taufe v. Christa Berens in der Notkirche empfangen die Kinder Süßigkeiten.

 

Nach dem Taufpaten richtet sich auch der Name des Kindes, meist ein Doppelname. Das Angebot an Vornamen ist sehr begrenzt; am häufigsten begegnen uns Anna, Maria, Margaretha, Katharina, Susanna, Gertrud, Elisabeth, Barbara. In den umfangreichen Bruderschaftslisten taucht selten ein anderer weiblicher Name auf. Ähnlich verhält es sich mit den männlichen Vornamen; Favoriten sind hier Johann, Matthias, Nikolaus, Josef, Heinrich, Peter und Jakob. Nicht selten führen mehrere Kinder einer Familie denselben Vornamen; zur Unterscheidung wird dann aus Johann Hanni, Hans, Häns, Jennes etc. Jäb, Kobes, und Köbes erscheinen als Synonym für Jakob. Überhaupt kürzt man die Vornamen gerne ab, auch heute noch: Kätt, Käthi (Katharina), Bäb(chen) (Barbara), Traut(chen) (Gertrud), Din (Christine), Jrit (Margare­the), Stoffel (Christoph), Theis (Matthias) usf. Mancher wird zeitlebens anders genannt als amtlich eingetragen, sein richtiger Name ist überhaupt nicht bekannt. Eine große Hilfe zur Unterscheidung gleicher Vornamen ist der Hausname.

Nach der Geburt durfte sich die Mutter nicht auf der Straße sehen lassen, bevor sie „ausgesegnet“ war. Dieses Ritual fußt auf einer jüdischen Reinigungsvorschrift, wonach die Frau nach der Geburt eines Knaben 40 Tage und eines Mädchens 80 Tage als unrein galt. Als Reinigungsopfer erhielt der Priester ein Schaf und eine Taube, von weniger begüterten zwei Tauben (Lev 12,1-8).

Heute erhalten die Kinder in der Regel nur einen Vornamen; die Palette umfasst nahezu alle europäischen Länder. In letzter Zeit erleben wieder alte deutsche bzw. biblische Namen eine Renaissance. Zur Taufhandlung finden sich außer den Verwandten einige Frauen und Kinder ein. Anschließend verteilen die Paten Süßigkeiten. Die Familienfeier findet meist zu Hause statt. Später lädt man die Nachbarsfrauen zum Kaffee ein.

© Diethelm Dräger

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