Von der Wiege bis zur Bahre

   
     

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Ein Versehgang 1845

Wenn sich das Krankenzimmer zum Sterbezimmer wandelte, pilgerte die Dorfjugend, immer sieben Mädchen, zu den "Sieben Kreuzen", um Heilung für den Kranken zu erflehen. Schließlich wurde der Pfarrer zum Versehgang gerufen:

Durch ein bestimmtes Glockenzeichen kündigt der Küster den Versehgang an. Sogleich finden sich einige Leute in der Kirche ein. In einer kleinen Prozession, voran der Küster mit einer Leuchte, begibt man sich zum Hause des Kranken. Ist dieser aus einer Filiale, so begleiten die Olzheimer den Priester bis zum Ortsausgang. Auf ein Schellenzeichen des Küsters knien sie nieder, empfangen den Segen und werden nach Hause entlassen. Priester, Küster und ein Verwandter des Kranken gehen nun alleine weiter. Am Ortseingang der Filiale schließen sich auf ein Glockenzeichen wiederum verschiedene Leute an und beten den Rosenkranz, bis das Sterbesakrament erteilt worden ist.

Neumann: "Ich pflege in den Filialen, wenn der Kranke nur etwas gefährlich, alle Sterbesakramente samt der Generalabsolution zu erteilen, sonst könnte man leicht noch mal gerufen werden". Man muss für Neumanns Vorsichtsmaßnahme Verständnis aufbringen: Oft wurde der Pfarrer nachts zum Versehgang gerufen, und am folgenden Tag hatte sich der Kranke auf wunderbare Weise wieder völlig erholt. Ähnliche Erfahrungen machte auch Pfarrer Libert. Einem Pfarrkind, das ihn spätabends zum Versehgang nach Langenfeld rief, drohte er: “Wehe dir, wenn sie morgen noch lebt!“

Heute versieht der Pfarrer die Sterbenden alleine und unbemerkt von der Dorfgemeinschaft.

Totenglocke und Totenwache

Wird dem Küster ein Sterbefall gemeldet, so läutet dieser zunächst die kleinste Glocke, die Totenglocke. Ertönen danach in einem gewissen Abstand die beiden kleinsten Glocken zweimal, so ist ein Kind gestorben. Beim Tode einer Frau ertönt das volle Geläute nach der Totenglocke zweimal, bei einem Mann dreimal.

Eine alte Frau bekleidet den Leichnam mit dem Totenhemd und legt einen Rosenkranz in die gefalteten Hände. Dafür erhält sie die ausgezogenen Kleidungsstücke. Der Verstorbene ruht nun in einem schlichten Brettersarg. Abends wird in der Kirche der Rosenkranz gebetet. Freunde und Nachbarn aber treffen sich im Trauerhaus zur Totenwache. Nach Neumann besteht diese darin, dass "3-4 Rosenkränze von Zeit zu Zeit die ganze Nacht hindurch gebetet werden, theils in der Stube auf Bänken und Stühlen an dem Ofen, theils in der Küche um das Feuer herumsitzend, indem einige das Feuer unterhalten, andere schlafen, die Kappe oder Mütze auf den Köpfen habend, oder auf den Knien liegend. Ist eine Periode von 3-4 Rosenkränzen gebetet, so wird Branntwein und Brot gereicht. Holz, Licht, Branntwein und Brot für eine große Gesellschaft, mehrere Nächte hindurch, ist für arme Leute kostspielig und lästig."
Schon 1778 sollten nach einer kurfürstliche Verordnung höchstens zwei oder drei Personen gleichen Geschlechts die Wache übernehmen.

Heute wird der Rosenkranz in der Kirche gebetet. Ein Bestattungsinstitut übernimmt die Aufbahrung und Überführung in die Leichenhalle. Der Verstorbene trägt meist "Sonntagskleidung" oder die Uniform eines Vereins, seine Hände umschlingt der Rosenkranz. Die Aufbahrung in der Leichenhalle ist eine "Errungenschaft" unserer modernen Zeit, da der natürliche Bezug zum Tode verloren gegangen ist.

Begräbnis und Exequien

Alle Toten der Pfarrei werden am nächsten Tag auf dem Kirchhof um die Pfarrkirche herum beerdigt. Der Küster weist den Totengräbern, zwei jungen Männern aus der Nachbarschaft des Verstorbenen, die Grabstelle an. Aus Platzmangel ist dies meist das Grab eines vor längerer Zeit Verstorbenen. Dessen Gebeine werden ins "Beinhaus" umgebettet. So wurde bis 1826 verfahren.


Trauerzug um 1940

Vor der Trauerfeier bringen die Angehörigen den Sarg auf einem einfachen Fuhrwerk zum Eingang des Kirchhofes. Dabei achten sie darauf, dass der Tote in Fahrtrichtung liegt und nicht den Blick zurück auf das Haus gerichtet hat. Bei Anstimmung des "Libera" wird der Sarg in der Mitte des Trauerzuges getragen. Im Sommer beginnt das Begräbnis in der Frühe um 6 Uhr, im Winter um 8 Uhr. Nach dem Totenamt gehen die Angehörigen wieder kurz zum Grabe beten und kehren dann nach Hause zurück. Hier findet für die Nachbarn und Freunde ein sog. Totenessen statt: Es werden Suppe, Brei, Gemüse mit Fleisch, Branntwein und Kaffee gereicht. Feierliche Exequien bestanden aus drei Begräbnismessen und dauerten vier Tage lang! Der weitere Ablauf dieser aufwendigen Trauerfeiern ist nicht bekannt.

Bis etwa 1950 wurden auswärts Verstorbene bei der Überführung von der Dorfgemeinschaft am Ortseingang erwartet und nachhause geleitet

Die Bestattungskultur hat sich inzwischen grundlegend geändert. Statt der Totenwache wird in der Kirche an drei aufeinander folgenden Tagen der Rosenkranz gebetet. Das Grab wird von einem Unternehmer ausgehoben, der Verstorbene in der Leichenhalle aufgebahrt.

Seit Jahren wächst die Zahl der Feuerbestattungen, die kostengünstiger und umweltverträglicher ist. Auch die anonymen Beisetzungen und die Friedwald-Bestattungen sind immer häufiger.

Nach dem Trauergottesdienst zieht die Gemeinde – mindestens eine Person aus jedem Hause - in Prozession zum Friedhof. Vier bis sechs Nachbarn oder Freunde tragen den Sarg von der Leichenhalle zur Grabstelle.

Nach der Beerdigung sind Verwandte und Freunde zum Kaffee eingeladen.

© Diethelm Dräger

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